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albertstrasse4707001508 b290140b86 mAm 30. Oktober hat der Stadtrat beschlossen, auf beiden Seiten der etwa 600 m langen Albertstraße Radfahrstreifen anzulegen. Damit geht eine zehnjährige Debatte um Radwege an einer der wichtigsten Stellen im Dresdner Radwegenetz dem – positiven – Ende entgegen. Während auf der nördlichen St. Petersburger Straße schon vor über 10 Jahren aus dem sechsstreifigen Querschnitt die äußeren Fahrspuren in Radfahrstreifen umgewandelt wurden und auf der südlichen Petersburger seit einigen Monaten durch das von Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain angeordnete Parkverbot die Gefahr von Dooring-Unfällen gebannt ist, so führt doch die schon vor über 15 Jahren großspurig ausgewiesene „Nord-Süd-Hauptroute“ in nördlicher Richtung am Carolaplatz unweigerlich auf einen holprigen Gehweg, den Radfahrer wohl oder übel mitbenutzen müssen.

Ab hier geht es quer durch Wartebereiche von Fußgängerampeln, eine großzügig ausgebaute Grundstücksvorfahrt sowie mitten durch eine Bushaltestelle. Noch krasser sieht es Richtung Altstadt aus: Südlich des Albertplatzes führt die offizielle Route den Radverkehr einmal quer durch die Fußgängerzone – wer die Schleichwege nicht kennt, findet nicht mehr so leicht zu ihr zurück. Spätestens hier ist klar: Während es neben dem Elberadweg im Dresdner Stadtgebiet auch einige andere gut nutzbare Radrouten in Ost-West-Richtung gibt, besteht eine lückenlose Radverbindung zwischen Norden und Süden bisher allenfalls auf dem Papier.

albertstraßeHier einen Lückenschluss zu schaffen bedeutet also mehr als einen neuen Radweg zu bauen, an irgendeiner Straße. Denn die Albertstraße ist nicht irgendeine Straße. Sie ein zentraler Baustein für den Radverkehr in Nord-Süd-Richtung.

Diesen wichtigen Lückenschluss hat der ADFC Dresden im Juni 2010 der zum Thema einer Petition gemacht: Auch Albert, Carola und Peter wollen Rad fahren lautete das Motto, unter dem die aus den 1960er Jahren stammende und nach den Grundlagen der Autogerechten Stadt ausgebaute Nord-Süd-Route durchgehend fit gemacht werden sollte für den Radverkehr.

In drei Sitzungen beriet der Petitionsausschuss des Stadtrats am 1. Dezember 2010 sowie am 12. Januar und 2. Februar 2011 über das Anliegen des ADFC. Im März unterrichtete der Petitionsausschuss den ADFC, dass perspektivisch eine „fahrbahngeführte Anordnung des Radverkehrs untersucht und bevorzugt wird“. Dies sollte in einem Verkehrsversuch geschehen, um die Auswirkungen der neu organisierten Verkehrsführung zu testen. Andere Varianten der Verkehrsführung hatte die Stadtverwaltung bereits 2011 geprüft und verworfen.

Zum Verkehrsversuch ist es nie gekommen, was möglicherweise auch damit zu tun haben könnte, dass die Bedeutung des Radverkehrs bei der damaligen Führung des Geschäftsbereichs Stadtentwicklung nicht eben einen übertrieben hohen Stellenwert hatte. Vonseiten des Stadtrats war es allein der Neustädter Stadtrat Torsten Schulze von den Grünen, der die Stadtverwaltung mit Anfragen drückte und drängelte – jedoch ohne nennenswerten Erfolg.

Und so kam das Projekt erst wieder in Gang, nachdem der Stadtrat Ende 2015 mit Raoul Schmidt-Lamontain einen Nachfolger für Baubürgermeister Marx gefunden hatte. Letzterer hatte also gewissermaßen seine halbe Amtszeit damit verbracht, sichere Radfahrstreifen auf der Albertstraße vor sich herzuschieben. Nun wurde – nach Jahren der Untätigkeit – eine Planung für Radfahrstreifen auf der Albertstraße beauftragt, die der Baubürgermeister im Juli 2017 der Öffentlichkeit vorstellen konnte. Mittlerweile war die Verkehrsbelastung auf der Albertstraße von über 26.000 Autos täglich Jahr 2012 auf weniger als 20.000 Fahrzeuge zurückgegangen. Dieser starke Rückgang des Autoverkehrs machte den ursprünglich geplanten Verkehrsversuch überflüssig, denn die Verkehrsbelastung der Albertstraße erreichte ab etwa 2016 Werte, für die ein zweistreifiger Straßenquerschnitt ausreicht.

Im dritten Quartal 2018 sollte Baubeginn sein. Nachdem sich die Ausschreibung wegen fehlender Bieter verzögerte, stand der tatsächliche Baubeginn dann für Anfang Dezember 2018 in Aussicht. Doch nun ereignete sich ein unerwartetes politisches Erdbeben, dessen erstes Opfer die Radfahrstreifen auf der Albertstraße sein sollten. Drei Stadträte der SPD verließen Ende November 2018 ihre ursprüngliche Fraktion und damit das Rot-Grün-Rote Bündnis, welches bis dahin eine Mehrheit im Stadtrat hatte. Eine neue Mehrheit aus CDU, FDP, AfD, den parteilosen Stadträten sowie den beiden Stadträten der NPD schoss das Radwegprojekt Albertstraße unter dem verlogenen Titel „Straßenrückbau stoppen“ kurzerhand ab und feierte damit einen symbolischen Triumph über die beginnenden Ansätze einer neuen Verkehrspolitik in Dresden.

AlbertstrasseDemo2019Mit großen Demonstrationen, Critical Masses und einer Rede vor dem Dresdner Stadtrat versuchten der ADFC sowie weitere Akteure Anfang 2019, die Stadträte der „neuen Mehrheit“ zu einer sachorientierten, zielführenden, vernunftgeleiteten Debatte zurückzubringen – ohne Erfolg. Selbst der Oberbürgermeister stimmte dem Antrag zu, der die Planungen seiner „eigenen“ Stadtverwaltung nolens volens in den Papierkorb beförderte.

Erst die Kommunalwahl schaffte wieder eine – wenn auch sehr knappe – fahrradfreundliche Mehrheit. In seiner dritten Sitzung in neuer Zusammensetzung brachten Grüne, Linke und SPD gemeinsam mit drei fraktionslosen Stadträten einen Antrag ein, mit dem die Stadtverwaltung Fördermittel beantragen und die erforderlichen Bauleistungen ausschreiben soll.

Gleichzeitig laufen bereits weitere Planungen, die die Nord-Süd-Route für den Radverkehr attraktiver machen: Der bestehende Radweg auf dem Richtung Neustadt führenden, östlichen Brückenzug der Carolabrücke soll bei der Sanierung der Brücke deutlich verbreitert werden. Hier soll Carbonbeton zum Einsatz kommen, ein innovativer Werkstoff, dessen geringes Gewicht einen breiter auskragenden Rad- und Gehweg ermöglicht.

In der Stadtratssitzung am 30.10.2019 erklärte der Baubürgermeister, dass die Stadtverwaltung aktuell auch prüfe, ob im Zuge der Sanierung der Brücke der Radverkehr in Richtung Altstadt zwischen den Straßenbahngleisen und dem mittleren Straßenzug untergebracht werden könne. Damit wäre dann eine Radverkehrsführung möglich, bei der das Queren der Straßenbahngleise mit dem Rad (z.B. an der Synagoge) entfallen kann.

Auch der nördliche Anschluss an die Albertstraße könnte sich in einigen Jahren für den Radverkehr deutlich verbessern. Die vom Stadtrat im Jahr 2017 beschlossene Planung zur Königsbrücker Straße befindet sich aktuell im Planfeststellungsverfahren. Ein Baustart wird für 2020 oder 2021, eine Fertigstellung nicht vor Ende 2022 erwartet.

Die vom Stadtrat mit den Stimmen von Grünen, Linken und SPD beschlossenen Radfahrstreifen beidseits der Albertstraße werden vermutlich schon etwa Mitte 2020 nutzbar sein. Auch ohne die geplanten Verbesserungen für den Radverkehr auf der Carolabrücke und der Könisgbrücker Straße wird sich dann für den Radverkehr unmittelbar eine sehr deutliche Verbesserung einstellen. Zu den über 3000 Radfahrenden pro Tag, die die Straße aktuell nutzen, werden dann mit dem attraktiveren und sicheren Wegeangebot wohl sehr bald noch einige hinzukommen.

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